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Aufgezeichnet nach der mündlichen Überlieferung
Es liegt im deutschen Lande ein Tal, das so tief zwischen den Wäldern ruht, dass die Sonne im Winter erst zur Mittagsstunde über den Grat findet. Wie das Tal heißt, wird hier nicht gesagt, und wer dort wohnt, sagt es auch nicht.
In diesem Tale lebt seit alters her ein eigener Menschenschlag. Die Höfe kleben an Hängen, die so steil sind, dass das Heu bergauf getragen werden muss, und die Tannen stehen so dicht, dass ein Fremder darin die Richtung verliert. Wer dort wirtschaften will, der muss hinauf — auf den Hang, auf den Fels, und vor allem: auf den Baum.
So kam es, dass sich bei den Bauern des hinteren Tales über die Geschlechter eine Gabe ausbildete, die anderswo nicht vorkommt: Sie können den großen Zeh vom Fuße abspreizen, weit und kräftig, wie unsereins den Daumen von der Hand. Mit diesem Zehe greifen sie die Rinde, wie der Affe den Ast greift, und steigen an jedem Stamm empor, ohne Leiter, ohne Seil und ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Man heißt sie darum die TalAffen. Sie selbst führen den Namen ohne Scham, denn es ist nichts Schimpfliches daran, etwas zu können, das sonst keiner kann.
Und dies ist das Merkwürdigste an der Gabe: Sie wächst mit den Jahren. Ein junger TalAffe nimmt die Birke und den Zaunpfahl. Ein Mann in seinen besten Jahren steigt die Fichte hinauf, als ginge er eine Stiege. Die Ältesten aber, deren Zehen von sechzig Wintern mächtig und breit geworden sind, besteigen Stämme, die ein junger Mann nicht einmal zu umarmen vermag. Wo anderswo die Alten am Ofen sitzen, sitzen sie im hinteren Tal im Wipfel.
Nun trägt ein Baum wohl Zapfen, aber kein Geld. Darum führen die TalAffen seit Menschengedenken ein doppeltes Leben.
Des Morgens, noch vor dem Licht, steigen sie von ihren Höfen herab, und wer dann genau hinhört, hört es an den Stämmen entlang rascheln, denn mancher nimmt den geraden Weg. Unten aber, wo die Straße beginnt, streifen sie sich den Blaumann über, binden die Schuhe zu — was ihnen von allem am schwersten fällt — und werden zu dem, was sie am Tage sind: Mechaniker.
Niemand weiß, wann der erste TalAffe in eine Werkstatt fand. Man weiß nur, dass es gut zusammenpasst. Denn wer mit dem Zehe eine Tanne greifen kann, den schreckt auch die verrostete Schraube hinter dem Achsträger nicht, und wer sein Leben lang an Stämmen hängt, der hängt auch geduldig unter der Hebebühne.
Des Abends aber legen sie den Blaumann ab und steigen wieder hinauf zu den Höfen, und dann sind sie, was sie immer waren: Bauern. So hat jeder TalAffe zwei Leben, und keines von beiden ist gelogen.
In jener Werkstatt, von der die Sage erzählt, herrschte ein Meister mit Namen Melmut Herklin. Er war kein TalAffe, denn er stammte nicht aus dem Tal — aber er war ein Bär von einem Mann, und wenn er etwas sagte, wurde es gemacht, und wenn er nichts sagte, wurde es auch gemacht, nur schneller.
Von seinen Taten wird vieles berichtet, das Wahrste aber ist dies: Wenn ein Radio aus einem Wagen sollte und der Schacht so eng war, dass kein Lehrling mit seiner schmalen Hand das Kabel fassen konnte, dann sprach der Meister nur drei Worte: „Geh weg, Stift." Dann fuhr sein Arm, der so dick war wie andernorts ein Oberschenkel, mit Gewalt in den Schacht, wo er nach allen Gesetzen der Vernunft nicht hineinpasste, und kam mit dem Kabel wieder heraus. Die Gesetze der Vernunft haben sich in jener Werkstatt dem Meister mit der Zeit angepasst.
Der Meister war es auch, der die TalAffen als Erster erkannte. Denn ihm konnte keiner etwas vormachen, und wer morgens mit Rinde im Sockenbund zur Arbeit kommt, der ist nicht mit dem Rade gefahren.
Zu jener Zeit kam ein Lehrbub in die Werkstatt, von auswärts, schmal wie ein Zollstock. Man hieß ihn, wie man jeden Lehrbuben heißt: der Stift.
Es begab sich in seiner ersten Woche, dass der Meister nieste. In der Werkstatt wurde es still, denn niemand wusste, was auf das Niesen eines Meisters die rechte Antwort sei, und so schwieg man vorsichtshalber. Nur der Stift, der es daheim nicht anders gelernt hatte, brummte halblaut vor sich hin: „Gesundheit."
Der Meister hat darauf nichts gesagt. Aber er hat es gehört. Und von diesem Tage an durfte der Stift dem Meister die Werkzeuge reichen, und der Meister erzählte ihm bei der Arbeit, halblaut und nebenher, alles, was er über das Volk aus dem hinteren Tale wusste. So ist diese Sage überhaupt erst aus der Werkstatt herausgekommen: durch einen Lehrbuben mit guter Kinderstube.
Untereinander rufen die TalAffen quer durch die Halle, was sie brauchen. Sie rufen es aber auf ihre Weise: kurz, tief und so gründlich in den Kragen genuschelt, dass ein gewöhnlicher Mensch nur einen Laut vernimmt, wie wenn ein Sack Kartoffeln umfällt.
Eines Tages nun rief einer von ihnen — es war der, den sie den Nuschler nannten — durch die ganze Werkstatt ein einziges Wort: „Güngül!"
Der Stift erschrak und sah den Meister an. Der Meister sah den Stift an. Keiner von beiden hatte ein Wort verstanden. Da aber kam aus der hintersten Ecke der Halle, unter einem Wagen hervor, die Antwort eines zweiten TalAffen: „Hier!" — und er warf dem Nuschler eine Dose zu, und der Nuschler fing sie, ohne hinzusehen, und schmierte damit ein Lenkgestänge.
Da wussten alle: Güngül heißt Lenköl. Aber es wusste eben nur, wer es wissen musste. Der Gelehrte spricht mit dem Gelehrten Latein, und der TalAffe spricht mit dem TalAffen Güngül, und keiner von beiden hält es für nötig, den Rest der Welt einzuweihen.
Kein TalAffe wird als Meister geboren. Kommt ein junger aus dem Tal zum ersten Mal in die Werkstatt, so wird er von den Alten geprüft, wie es der Brauch verlangt. Drei Prüfungen sind überliefert, und es hat sie noch keiner beim ersten Male bestanden.
Die erste ist die Prüfung der Bühne. Ein Alter sagt zu dem Jungen: „Mach das Auto von der Bühne." Der Junge, der dienen will, eilt hin — und vergisst in seinem Eifer, dass man eine Hebebühne herablassen kann. Und so steht er unter dem Wagen und zieht mit aller Kraft an den Armen der Bühne, um sie unter dem Auto wegzuziehen, auf dem das Auto ruht. Bei einem gewöhnlichen Lehrbuben wäre das nur töricht. Bei einem TalAffen aber, dessen Kraft mit den Jahren noch wächst, schauen die Alten sicherheitshalber genau hin — man weiß ja nie.
Die zweite ist die Prüfung der Stange. Wird das Öl abgelassen, so sagt ein Alter zu dem Jungen: „Gib acht — aus der Ablassschraube kommt eine Stange. Die musst du fangen. Sie darf um keinen Preis in die Wanne fallen." Und der Junge kniet sich hin und wacht, und sowie das schwarze Öl läuft, patscht er mit der bloßen Hand durch den Strahl, einmal und noch einmal, bis auch der letzte Tropfen gefallen ist. Dann meldet er gewissenhaft, es sei diesmal keine Stange gekommen. Die Alten nicken dann ernst und sagen, da habe er noch einmal Glück gehabt.
Die dritte aber ist die vornehmste: die Prüfung des Owiedummfetts. Man schickt den Jungen ins Lager, er solle Owiedummfett holen. Das Lager hat es nie vorrätig — es ist das einzige Fett, das in keiner Werkstatt der Welt je vorrätig war. Und so zieht der Junge von Mann zu Mann und fragt einen jeden laut und deutlich nach dem Owiedummfett, und spricht so, ohne es zu wissen, mit jedem Fragen sein eigenes Urteil. Er ist der Einzige im Hause, der es nicht hört.
Neben den drei großen Prüfungen kennt die Werkstatt noch die niederen Bräuche, und ihnen entgeht kein Junger.
Da ist die Räucherung: Man heißt den Jungen, das Auspuffrohr festzuhalten — und wer ein Auspuffrohr hält, der kann nicht von der Stelle. Dann tritt ein Alter neben ihn, ganz beiläufig, als hätte er dort zu tun, und lässt einen fahren. Der Junge aber muss ausharren, denn das Rohr darf nicht los. Die Alten sagen, so werde die Nase des jungen TalAffen abgehärtet für alles, was das Leben noch bringen mag. Es ist nicht überliefert, dass je einer widersprochen hätte. Es ist auch nicht überliefert, dass je einer dabei geatmet hätte.
Und da ist der Weckruf: Steckt ein Kopf tief im Motorraum, so drückt ein vorbeigehender Alter kurz und kräftig auf die Hupe. Das schule, sagen die Alten, die Geistesgegenwart. Die Beulen an der Unterseite mancher Motorhaube sagen etwas anderes.
Wer aber die drei Prüfungen hinter sich hat und die niederen Bräuche dazu — das heißt: wer sie nicht bestanden, sondern begriffen hat —, der ist kein Junger mehr. Denn nun kennt er die erste und älteste Lehre des hinteren Tales: Glaube keinem Alten ein Wort. Und tu trotzdem, was er sagt.
Der Meister aber, der die TalAffen kannte und, wie manche sagen, auf seine Art auch liebte, ersann für sie ein Wort, wie es kein zweites gibt: der Zehabspreizer.
Denn das ist die Kunst an diesem Worte: Man kann es einem Manne offen ins Gesicht sagen. Der Fremde hält es für einen Handwerksbegriff, der Höfliche für ein Kompliment, und nur die Eingeweihten wissen, dass soeben ein Mann zum TalAffen erklärt worden ist — zum Bauern aus dem hintersten Tal, der mit dem Zehe den Baum greift. Der Gescholtene aber, ist er selbst ein Eingeweihter, nimmt es ohne Groll und antwortet, wie man im Tale eben antwortet: „Du Dubel." Das heißt dort so viel wie „Du Depp" und ist unter TalAffen eine Form der Zärtlichkeit.
So wurde in jener Werkstatt niemand je beleidigt und doch jeden Tag.
Die Werkstatt von damals gibt es nicht mehr, und der Meister ist alt geworden, wo immer er nun sein mag. Die TalAffen aber gibt es noch, denn ein Volk, das die Bäume hat, braucht keine Denkmäler.
Noch heute, heißt es, steigen sie morgens von den Höfen herab und abends wieder hinauf. Noch heute versteht in mancher Werkstatt einer den anderen, wo kein Dritter auch nur ein Wort vernimmt. Und wer je durch ein tiefes, waldiges Tal fährt und hoch oben in einem Wipfel, wo kein Mensch sein kann, einen Mann sitzen sieht, der ganz ruhig und ernst über sein Tal schaut —
der grüße hinauf, wie es sich gehört: „Zehabspreizer!"
Und wenn von oben ein „Du Dubel" zurückkommt, dann war es einer.
Aufgezeichnet nach der mündlichen Überlieferung.
Alle Personen und Orte dieser Sage sind frei erfunden. Das Tal weiß, wer gemeint ist.